Einführung zum Mysterium der Taufe und der Myronsalbung

Erzpriester Sergius Heitz

 



 

 

 

 

 

Taufe, Myronsalbung und Kommunion bilden eine Einheit. Die beiden erstgenannten Mysterien sind zugleich Vorausset­zung und Hinführung zur Kommunion am allreinen Leib und am kostbaren Blut Christi. Daher sind alle drei gemeinsam nö­tig zur Eingliederung eines Gläubigen in den Leib Christi, den die Kirche darstellt. So wird das Christsein und die Gliedschaft an der Kirche begründet durch eine dreiteilige Initiatio christiana (Einführung in das christliche Glaubensleben), die auch Kleinkindern in ihrer ganzen Fülle gewährt wird.

I. Die Taufe. Der Taufe voran geht ein mehr oder weniger lan­ges Katechumenat. In der Antike war die Eintragung in die Li­ste der Katechumenen ein wichtiger Akt, denn von nun an war der Taufbewerber in die Fürbitte der Gemeinde aufgenom­men. Zum Ritus der Aufnahme gehörten Exorzismen, die den Katechumenen aus der Gewalt des Bösen befreien helfen soll­ten. Bei der Kindertaufe kann der Ritus der Bekreuzigung und Namensgebung als Beginn des Katechumenates betrachtet wer­den. Der erste Teil der Tauffeier stellt den Abschluß des Kate­chumenates dar:
Der Katechumene wird sinnbildlich des alten Adams entklei­det. Er wendet sich dem Osten zu, Christus, der Sonne der Ge­rechtigkeit, dem „Aufgang aus der Höhe“. Der Priester haucht den Katechumenen an, um mit dem Geiste Christi den Geist des Bösen zu vertreiben. Er zeichnet das Kreuz auf Stirn und Brust des Taufanwärters, um dessen Denken und Streben in das österliche Kreuzesmysterium einzubeziehen. Er legt ihm die Hand auf, um ihn unter den Schutz Gottes und die Obhut der Kirche zu stellen. In der Vollmacht, die der Auferstandene Sei­nen Aposteln und ihren Nachfolgern gegeben hat (Mk 16,17), beschwört nun der Priester in Exorzismen die Macht des Bö­sen, den Teufel, den Taufanwärter zu verlassen. Dabei wendet der Priester den Täufling, der die Hände emporhebt, gegen Westen, d. h. gegen das Reich der Finsternis und des Todes. Der Täufling oder dessen Pate entsagt nun dem Satan, dem Fürsten dieser Welt, all seinen dämonischen Werken, seinen Dienern, seinem Dienst und seinem Glanz. Darauf fordert der Priester den Täufling auf, zum Zeichen der Abkehr und Verachtung auf den Satan zu speien und zu blasen. Dann wendet der Prie­ster den Täufling, der seine Arme gesenkt hat, wieder in die Richtung der aufgehenden Sonne und fragt ihn mehrmals, ob er sich Christus angeschlossen habe und an Ihn glaube. Hier ist nun der Ort, wo der Täufling oder sein Pate oder die Gemein­de anstelle des Täuflings das nikäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis, das in jeder Liturgiefeier rezitiert wird, spricht. Am Schluß dieses Teils fordert der Priester den Täuf­ling auf, vor Christus niederzufallen und Ihn anzubeten. Erst jetzt beginnt die eigentliche Tauffeier mit dem für die My­sterienhandlungen charakteristischen Eingangssegen: „Geseg­net das Reich des Vaters . . .“, auf den unmittelbar die Friedens-Ektenie mit eingeschobenen Bitten für den zur Er­leuchtung Kommenden folgt. Seit alters wird die Taufe auch Erleuchtung (Photismos) genannt. Denn in der Taufe leuchtet dem Täufling das Licht Christi auf, ihn licht zu machen. Dies deutet hin auf die Verklärung in der Theosis, die nun anhebt. Daher werden alle Kerzen angezündet und ringsum duftet der Weihrauch.
Zunächst wird das Taufwasser geweiht. In der vorausgehenden Ektenie bat die Gemeinde durch den Mund des Diakons ihren Herrn um das Überkommen des Heiligen Geistes zur „Er­leuchtung mit dem Licht der Erkenntnis und Gottseligkeit“, „um die Gnade der Erlösung, den Segen des Jordans“, der durch Christi Taufe zum Werkzeug der Erlösung geworden ist. Der Priester bittet nun den Schöpfer und Befreier zunächst für sich selbst, auf daß, da er „anderen die Freiheit verkündige und diese ihnen im vollkommenen Glauben“ an Gottes „unaus­sprechliche Gnade darreiche, nicht selbst als Knecht der Sünde unbewährt erfunden werde“. Dann trägt er das großartige Wei­hegebet vor: „... Wir bekennen die Gnade; wir verkünden das Erbarmen; wir verhehlen nicht die Wohltat ...“ In einer Epi­klese ruft er: „Du Selbst also, menschenliebender König, komm auch jetzt durch das Überkommen Deines Heiligen Geistes und heilige dieses Wasser!“ Er bekreuzt das Wasser, in das er seine Rechte eintaucht und das er anhaucht. Nach dem Wasser segnet der Priester das Katechumenenöl, das als Sinn­bild der Salbung Christi den Neuerleuchteten zu dessen Mit­kämpfer gegen das Reich des Bösen erhebt. Denn der Täufling wird gesalbt, wie in der Antike der Athlet gesalbt wurde, am ganzen Leib, d. h. an Stirn, Brust, zwischen den Schultern, an Händen und Füßen. Die Taufe selbst geschieht durch Unter­tauchen, wobei die Taufformel passivisch ist: „Getauft wird der Knecht (die Magd) Gottes N. N. im Namen des Vaters - Amen - und des Sohnes - Amen - und des Heiligen Geistes - Amen -. Das dreimalige Untertauchen des nach Osten gewen­deten Täuflings symbolisiert das Mitgestorben- und Mitbe­graben- und Mitauferstandensein mit Christus. Zum Taufakt selbst gehört auch die Bekleidung des Wiedergeborenen mit einem weißen Gewand. Dadurch wird der Akt der Rechtferti­gung eigens versinnbildlicht, was die priesterliche Formel be­zeugt: „Bekleidet wird der Knecht (die Magd) Gottes N. N. mit dem Gewände der Gerechtigkeit im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Die tiefere Bedeu­tung der Rechtfertigung enthüllt der Gesang des Chores: „Rei­che mir das Lichtgewand, der Du Dich umkleidest mit Licht wie mit einem Gewände, erbarmungsvoller Christus, unser Gott!“
Die Rechtfertigung ist hier also nicht primär verstanden als ju­ridischer Akt, sondern als Anteilbekommen am göttlichen Licht der Verherrlichung, mithin als Vergöttlichung, als Theosis.
Im Blick auf den ganzen Ritus der Taufe gilt festzuhalten, daß nicht allein das Untertauchen des Täuflings für den Vollzug der Taufe konstitutiv ist, so daß man sie darauf beschränken könnte. Vielmehr stellt die Tauffeier genau wie die Feier der Göttlichen Liturgie eine Fülle von einander zugeordneten Be­zügen dar, die erst in ihrer Ganzheit das Göttliche Mysterium ausmachen.

II. Die Myronsalbung. Diese Salbung mit einer Mischung von Olivenöl, Balsam und anderen wohlriechenden Essenzen, die am Hohen und Heiligen Donnerstag in jeder autokephalen Kirche von konzelebrierenden Bischöfen geweiht wird, wurzelt in apostolischer und nachapostolischer Zeit (Apg 8,17; 19,6; l Joh 2,20.27; l Kor 1,2l) . Die Salbung, die jeder tau­fende Priester im Zusammenhang mit der Taufe vollzieht, dient der Mitteilung des Heiligen Geistes , die der heilige Apostel Paulus als „Versiegelung“ bezeichnet. Wie man in Is­rael, aus dem Samen Abrahams geboren, durch die Beschnei­dung in den Bund mit Gott getreten ist, so wird man in der Kirche wiedergeboren durch die Taufe und in den Neuen Bund mit Gott aufgenommen durch die Versiegelung im Heiligen Geiste. Die Versiegelung befähigt den Christen, als Glied des Neuen Bundesvolkes das Opfer des Neuen Bundes, die Eucharistie, darzubringen und die hier ausgeteilten Gaben und Gna­den zu empfangen. Als Akt der Übermittlung des Heiligen Geistes an die Neugetauften begründet sie das „Allgemeine Priestertum“ der Gläubigen, welches neben dem besonderen „Apostolischen Priestertum“ besteht und konstitutiv ist für je­de Feier der Mysterien Christi.
Im Gegensatz zur Taufe ist die Myronsalbung in besonderen Fällen wiederholbar. Sie wird auch losgelöst von der Taufe ge­spendet, wo sich nach einer Trennung von der Kirche ein Ge­taufter dieser neu zuwendet.

III. Die Heilige Kommunion. Sie ist die Aktualisierung der Verei­nigung mit Christus, die Taufe und Myronsalbung eingeleitet haben und die nicht ein einmaliger Akt, sondern eine bleiben­de Wirklichkeit sein soll. Durch die Kommunion wird der Gläubige in der Theosis immer tiefer in Christus verwurzelt, so daß erfahrbare Wirklichkeit wird, was der Apostel Paulus mit den Worten andeutet: „Ich lebe, doch nun nicht ich, son­dern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Zu beachten ist der Ort, wo diese Vereinigung sich ereignet: es ist nicht die selige Zweisamkeit von Gott und Seele wie in der westlichen Mystik, son­dern die Feier der Göttlichen Liturgie, in der die konkrete Gemeinde einstimmt in den himmlischen Gottesdienst. Hier vollendet sich das innige Einswerden mit Christus: Wie der Apfel und das Brot durch das Essen zu meinen Knochen und Nerven werden, so innig will sich Christus mit uns vereinigen, daß wir ein Leib mit Ihm werden und ein Lebensgeist (Blut) uns beseele, daß wir Anteil bekommen an Ihm in Seiner Ganz­heit: an Seiner Menschwerdung, Seinem Leiden, Seinem Ster­ben, Seinem Auferstehen, Seinem Sitzen zur Rechten Gottes, des Vaters, Seinem Senden des Heiligen Geistes, Seiner Wieder­kunft in Herrlichkeit. So eins mit Ihm geworden, sind wir auch eins mit allen Gliedern Seines geistlichen Leibes, der Kirche.

IV. Das Abwaschen der Salbung und Schneiden der Haupthaare.   Der Taufakt wird vollendet durch zwei Mysterienhandlungen, die ursprünglich am achten Tag nach der Taufe vollzogen wurden, heute aber meist unmittelbar auf die Taufe folgen: Das Abwaschen der Salbung wird begleitet durch drei Priester­gebete, die den göttlichen Segen für den Neugetauften erflehen. Danach erfolgt eine öffentliche Proklamation der vollzogenen Taufe: „Du bist gerechtfertigt, bist erleuchtet. Du bist getauft, bist erleuchtet, bist gesalbt, bist geheiligt, bist gewaschen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Die symbolische Handlung eines kreuzförmigen Abschneidens von Haupthaaren mit vorangehender Handauflegung ist durch zwei Priestergebete begleitet, die zeigen, daß auch dieser ursprüngliche Übereignungsgestus heute primär als Segnung verstanden wird. So heißt es im Gebet der Handauflegung: „Dein Segen komme auf sein (sc. des Täuflings) Haupt herab. Gleichwie Du durch Deinen Propheten Samuel den König Da­vid gesegnet hast, so segne auch das Haupt Deines Knechtes (Deiner Magd) N. N. durch meine Hand, obgleich ich ein Sün­der bin, indem Du über ihn (sie) kommst durch Deinen Heili­gen Geist, auf daß er (sie) an Alter zunehme, dereinst aber auch mit grauen Haaren Dir die Verherrlichung emporsende und schauen möge das Glück Jerusalems alle Tage seines (ihres) Lebens!“ Das sind Anspielungen auf l Kon 16,13; Lk 2,40; ps 127(128),5, aber auch auf eine der häufigsten Ekphonesen, die sich in allen Diensten findet und die das letzte Ziel der kirchli­chen Gemeinschaft und des Lebens jedes Gläubigen in Worte faßt, wenn der Zelebrant am Ende eines Gebetes mit erhobe­ner Stimme spricht: „Denn Du bist unser Gott und Dir sen­den wir die Verherrlichung empor, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzt und immerdar und in die Äonen der Äonen. Amen.“

 

Vgl. dazu Heitz, Christus in euch, a. a. O. S. 99.

Vgl. Joh 3,5 „geboren aus Wasser und Geist“.

Auch die Beschneidung wird als „Versiegelung“ verstanden, Rm 4,11.