Die Tagzeitengebete

Erzpriester Sergius Heitz

 



 

 

 

 

 

Es ist bereits eine im frühen Christentum geübte, aus dem Judentum übernommene Gepflogenheit, morgens, mittags und abends die Hände zum Gebet zu erheben, um Gott mit Psalmen, Hymnen und Gebeten zu loben (vgl. ps 54(55),18; Dan 6,10). Das sind die Anfänge unseres Horengebetes, das in seinen wesentlichen Teilen bereits kurz nach 200 von Tertullian und Hippolyt bezeugt ist. Während die Hören heute nur noch von Mönchen und Monialinnen regelmäßig und vollständig gehalten werden, waren zur Zeit Hippolyts und Tertullians die Gebete der Tageszeiten und das Mitternachtsgebet für alle er­wachsenen Getauften verbindlich. Sie wurden zunächst, mit Ausnahme von Vesper und Orthros an Sonn- und Feiertagen, von jedem einzelnen Gläubigen für sich gehalten, wobei jedoch nach antiker Weise die Gebete laut rezitiert oder gesungen wurden. Die strengen Gebetssitten sind jedoch aufgeweicht worden als nach der Konstantinischen Wende (324) mit der staatlichen Begünstigung der Christen die Massen des Volkes dem Christentum zuströmten. Jetzt begannen Asketen, Mönche, Jungfrauen und Witwen in Klöstern, an Wallfahrtsstätten und in großen Kirchen das Horengebet gemeinsam und öffentlich zu üben, so daß vom Volk und Klerus teilnehmen konnte, wer dazu Zeit fand. Mit dieser Entwicklung verbunden war eine Anreicherung und Ausdehnung des Horengebetes, so daß es schon aus Zeitgründen nicht mehr für alle Gläubigen verbindlich gemacht werden konnte. Während nun aber im We­sten infolge der monastischen Reformbewegungen des Mit­telalters sich das Horengebet und die Gebetssitten der Laien (Andachten) immer mehr auseinanderentwickelt haben, nehmen in der Orthodoxen Kirche bis heute alle Gläubigen, we­nigstens zu gewissen Zeiten des Kirchenjahres aktiv am monastisch-kirchlichen Horengebet teil. Daneben hat sich hier aber auch der ältere Brauch des dreimaltäglichen privaten Betens erhalten, während das Mitternachtsgebet nicht mehr in Übung ist. Nach den einschlägigen Gebetssammlungen sind die Gebetstexte für das private Gebet und ihre Ordnung im we­sentlichen dem Horengebet entnommen. Wir haben für den Vorschlag, den wir hier geben, griechische Vorlagen benutzt (im besonderen aus dem Megas hieros Synekdimos), allerdings die Gebetsstücke nochmals reduziert und in eine strenge Systematik gebracht, für die die Ordnung der Hören maßgeblich war. Denn wir sind der Meinung, daß diese Gebetszeiten so durchsichtig und einfach sein müssen, daß jeder Gläubige sie nach einiger Zeit auswendig kennt und sie immer und überall, auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, in der Mittagspause etc., auch ohne Buch, halten kann. Denn alles liegt daran, daß sie regelmäßig gehalten werden, auch dann, wenn die Gelegenheit fehlt, ein Buch zur Hand zu nehmen. Die Er­fahrung zeigt, daß die Regelmäßigkeit für das innere Wachs­tum  von  entscheidender Bedeutung ist.  Natürlich  besteht immer die Möglichkeit, die hier vorgeschlagenen Gebetszeiten mit weiteren Texten aus den Hören anzureichern. Doch Anfänger möchten wir davor ausdrücklich warnen: wer sich am Anfang zuviel vornimmt, steht in Gefahr, bald das Ganze wie­der aufzugeben. Man sollte mindestens drei Jahre lang die einfache Ordnung regelmäßig geübt haben, bevor man sich Er­weiterungen überlegt. Vermutlich wird jedoch, wer soweit ist, bei einer einfachen Ordnung bleiben und es vorziehen, in die Tiefe statt in die Breite zu gehen.

Die Abfolge der Gebetsstücke ist in allen drei Gebetszeiten gleich und einfach zu merken: EINGANGSGEBETE, PSALMODIE, BEKENNTNIS, VATER-UNSER, TROPARIEN ZUR STUNDE, GEBETE ZUR STUNDE UND EKTENIE, ABSCHLIESSENDE GEBETE. Sehr bewußt ist das Mittagsgebet das kürzeste und einfachste, da viele Berufstätige dafür wenig Muße haben. Textvariationen für die Fastenzeiten und die Pentikosti sind am gegebenen Orte vermerkt, dagegen ist hier darauf aufmerksam zu machen, daß am Ostertag und in der Lichten Woche der Erneuerung anstelle aller dreier Gebets­zeiten das österliche Stundengebet gehalten wird.
Ein besonderes Problem ist, wie die täglichen Schriftlesungen mit den Gebetszeiten zu verbinden sind, da man dazu Bibel, Kalender und die Wechseltexte für die Liturgie benötigt. Wir schlagen vor, je nach den persönlichen Umständen, entweder diese Lesungen in einer der drei Gebetszeiten vor die „Abschließenden Gebete“ einzuschieben oder sich irgendwann am Tag oder am Abend außerhalb der Gebetszeiten dafür eine hal­be Stunde Zeit zu nehmen. In diesem Falle ist eine kurze Ein­leitung und ein Abschluß durch Gebet sinnvoll. In jedem Fall aber gehören vor die Lesungen das Tagestropar und gegebenen­falls der gekürzte Kanon des Tages (Kondakion).
Wir geben im folgenden vorweg einen Vorschlag für eine nicht mit den drei Gebetszeiten verbundene Schriftlesung.

(Auszug aus: Sergius Heitz: Mysterium der Anbetung III)

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