Isaak der Syrer

Über Glauben und Buße
Asketische Rede 71

 

 

 

 

 

Aus:Johannes A. Wolf: Der Schmale Pfad: Band 3.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags unter www.orthodoxie-in-deutschland.de eingestellt.

Der Glaube ist die Tür zu den Mysterien. Wie die leiblichen Augen die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände sehen, so schaut der Glaube mit geistigen Augen auf das Verborgene. Genauso wie wir zwei leibliche Augen haben – so sagen die Väter –, besitzen wir auch zwei seelische Augen; doch in der Betrachtung [gr. theoria] werden diese beiden auf verschiedene Weise verwendet. Mit dem einen Auge sehen wir die verhüllten Herrlichkeiten Gottes, die in den Naturen der Dinge verborgen sind, d. h. Seine Kraft und höchste Weisheit und Seine Vorsehung für uns, begreifbar durch die Erhabenheit Seiner Führung für uns; mit demselben Auge erschauen wir die himmlischen Ordnungen unserer Mitknechte [d. h. der Engel und Heiligen]. Mit dem anderen Auge erschauen wir die Herrlichkeit Seiner heiligen Natur [die eigentliche Schau Gottes, d. h. die Schau der ungeschaffenen Herrlichkeit (gr. doxa) Gottes, der Göttlichen Energien], wenn es Gott gefällt, uns in die geistlichen Mysterien einzuführen und in unserem Geist das Meer des Glaubens aufzutun.

Die Buße wird dem Menschen nach der Taufe als Gnade nach der Gnade gegeben, denn sie ist eine zweite Neugeburt aus Gott. Und dieses Geschenk, dessen Unterpfand wir durch den Glauben erhielten, empfangen wir durch die Buße. Die Buße ist die Tür der Barmherzigkeit, die sich jenen öffnet, welche sie eifrig suchen. Durch diese Tür treten wir ein in die göttliche Barmherzigkeit, und außer auf diesem Wege finden wir keinen Einlaß in Sein Erbarmen. Denn alle haben gesündigt, nach der Heiligen Schrift, und werden ohne Verdienst gerecht aus Seiner Gnade (Röm 3,23-24). Die Buße ist die zweite Gnade, und sie wird im Herzen aus dem Glauben und der Furcht [Gottes] geboren. Die Furcht aber ist das väterliche Zepter, das uns lenkt, bis wir das geistliche Paradies der ewigen Güter erlangen. Wenn wir dieses erreicht haben, verläßt sie uns und wendet sich zurück.

Das Paradies ist die Liebe Gottes, in der wir alle Seligkeit genießen. Dort hatte der selige Paulus Anteil an der übernatürlichen Speise, und als er vom Baum des Lebens gekostet hatte, rief er aus: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die Ihn lieben (1 Kor 2,9). Von diesem Baum wurde Adam infolge des Rats des Teufels verbannt. Der Baum des Lebens ist die Liebe Gottes, von der Adam abfiel, und danach sah er keine Freude mehr, sondern mühte und plagte sich auf der dornigen Erde. Die der Liebe Gottes Beraubten, auch wenn sie in Rechtschaffenheit ihren Weg gingen, aßen bei ihren Werken ihr Brot im Schweiße, wie es dem Erstgeschaffenen nach seiner Übertretung geboten worden war. Bis wir die Liebe finden, mühen wir uns in dorniger Erde; und selbst wenn unsere Saat die Saat der Gerechtigkeit ist, so säen und ernten wir doch allein inmitten der Dornen. Ständig werden wir von ihnen verwundet, und wie sehr wir uns auch um Rechtschaffenheit bemühen, so leben wir doch im Schweiße des Angesichtes. Wenn wir aber die Liebe finden, dann essen wir himmlisches Brot und werden gestärkt ohne Arbeit und Plage. Das himmlische Brot ist Christus, der vom Himmel kam und der Welt das Leben gab (Jh 6,33).

Wer die Liebe gefunden hat, der kostet Christus an jedem Tag und zu jeder Stunde und wird dadurch unsterblich gemacht, wie gesagt ist: Wer von diesem Brot ißt, das Ich ihm gebe, wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit (Jh 6,51 u. 58). Selig, wer vom Brot der Liebe kostet, welche ist Jesus. Wer von der Liebe kostet, kostet Christus, den über allem seienden Gott, von dem Johannes bezeugt: Gott ist die Liebe (1 Jh 4,8 u. 16). Daher erntet jener, der in der Liebe lebt, das Leben von Gott, und während er noch hier in dieser Welt ist, atmet er schon die Luft der Auferstehung. Dieser Luft werden sich die Gerechten in der Auferstehung erfreuen. Die Liebe ist das Königreich, darin – in Seinem Reich – zu essen der Herr geheimnisvoll den Aposteln versprach. Denn wenn gesagt wird: Ihr sollt in Meinem Reich mit Mir an Meinem Tisch essen und trinken (Lk 22,30), was sonst ist darunter zu verstehen, wenn nicht die Liebe? Die Liebe reicht aus, um einen Menschen anstelle von Speise und Trank zu ernähren. Dies ist der Wein, der des Menschen Herz erfreut (Ps 103,15). Selig, wer von diesem Wein trinkt! Ausschweifende Menschen haben von diesem Wein getrunken und empfanden Scham; Sünder haben davon getrunken und vergaßen ihre anstößigen Wege; Säufer haben davon getrunken und wurden zu Fastenden; Reiche haben davon getrunken und verlangten nach Armut; Arme haben davon getrunken und wurden reich an Hoffnung; Kranke haben davon getrunken und wurden kräftig; Ungelehrte haben davon getrunken und wurden weise.   

Wie es nicht möglich ist, ohne ein Schiff über den großen Ozean zu fahren, so kann ohne Furcht keiner die Liebe erlangen. Die übelriechende See zwischen uns und dem geistlichen Paradies kann man nur auf dem Schiff der Buße überqueren, auf denen die Ruderer der Furcht sind. Wenn aber die Ruderer der Furcht das Schiff der Buße nicht über das Meer dieser Welt zu Gott lenken, werden wir in diesem stinkenden Ozean ertrinken. Die Buße ist das Schiff, und die Furcht ist der Steuermann, die Liebe aber ist der göttliche Hafen. Daher versetzt uns die Furcht in das Schiff der Buße, bringt uns über das faulige Meer des Lebens und geleitet uns zum göttlichen Hafen, welcher die Liebe ist. In diesen Hafen kommen alle, die sich mühen und mit den schweren Lasten der Buße beladen sind. Und wenn wir die Liebe erlangen, so haben wir Gott gewonnen, und unser Weg ist vollendet. Wir sind auf die Insel der jenseitigen Welt gelangt, wo der Vater und der Sohn und der Heilige Geist ist. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht! Und uns mache Er durch Seine Furcht würdig Seiner Herrlichkeit und Seiner Liebe! Amen.

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