Priester Sergei Sveshnikov[*]

Mentale Einbildungskraft im Gebet

 

 


 

 

 

 

 

Aus: Johannes A. Wolf: Der Schmale Pfad: Band 30.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags unter www.orthodoxie-in-deutschland.de eingestellt.

In der orthodoxen Tradition herrscht ein hohes Maß an Übereinstimmung bezüglich des Pfades der Stille der Gedanken und des Schweigens des Geistes, um das Gebet des Herzens in der persönlichen Gottesanbetung zu erlangen. Der hl. Johannes Klimakos schreibt in Die Leiter (28: 19): „Der Anfang des Gebets besteht darin, hereinbrechenden Gedanken zu vertreiben.“ (285) Der Geist muß befreit werden von allen Gedanken und Bildern und sich auf die Worte des Gebets konzentrieren. Im weiteren Verlauf des Kapitels über das Gebet (28) lehrt der hl. Johannes, keine wahrnehmbaren Bilder während des Gebets anzunehmen, damit der Geist nicht dem Wahn verfällt (42; 289); und nicht einmal auf notwendige und spirituelle Dinge zu schauen (59; 292).

Im Unterschied zum römischen Katholizismus ermuntert die orthodoxe Tradition nicht zur Verwendung der mentalen Einbildungskraft. Tatsächlich sieht es so aus, daß sie die bildhafte Vorstellungskraft während des Gebets völlig verbietet. In den Worten eines der heutigen orthodoxen Altväter, Abt Nikon (Vorobyev, 1894-1963): „Das, was streng, entschieden mit Drohungen und innigen Bitten von den östlichen Vätern verboten wird – genau das streben die westlichen Asketen mit aller Kraft und mit allen Mitteln an“ (424).

Eine der besten Zusammenfassungen der orthodoxen Vätertradition über das Gebet ist in den Werken von Bischof Ignatij (Brjančaninov, 1807-1867) enthalten, einem Gelehrten, Theologen und Heiligen des neunzehnten Jahrhunderts. Der hl. Ignatij hatte sowohl die Werke der östlichen wie der westlichen Heiligen in ihren Originalsprachen studiert, doch er war auch ein Mann des Gebets, und seine Schriften atmen nicht nur akademische Kraft, sondern auch die persönliche praktische Erfahrung.

Gewiß bestätigt der hl. Ignatij, daß es Visionen von Gott gibt, die jenen gezeigt werden, „die erneuert sind durch den Heiligen Geist, die den alten Adam abgelegtr und den neuen angezogen haben“ (Werke 2004, 1: 86). „So sah der hl. Apostel Petrus“, schreibt er, „während des Gebets ein ungewöhnliches Tuch vom Himmel herabkommen. So erschien dem Hauptmann Kornelius ein Engel. So erschien der Herr dem Paulus, als dieser im Tempel zu Jerusalem betete, und Er befahl ihm, Jerusalem sofort zu verlassen…“ (1: 86). Doch der hl. Ignatij (Brjančaninov) verbietet kategorisch, nach solchen „übernatürlichen Zuständen“ zu suchen oder sie zu erwarten:

„Der betende Geist muß sich in einem völlig vertrauenswürdigen Zustand befinden. Die Einbildungskraft jedoch, so verlockend und nützlich sie auch erscheinen mag, ist doch die willkürliche Schöpfung des Geistes selbst, führt diesen aus dem Zustand der göttlichen Wahrheit heraus und bringt den Geist in eine Zustand des Eigendünkels und der Täuschung; und deshalb wird sie im Gebet verworfen.

Der Geist muß während des Gebets mit großer Sorgfalt bilderlos gehalten werden, indem er alle Vorstellungen von sich weist, die durch das Wirken der Einbildungskraft erzeugt werden… Bilder, die der Geist während des Gebets zuläßt, werden zu einem undurchdringlichen Vorhang zwischen dem Geist und Gott.“ (1: 75)

Der hl. Isaak der Syrer († ca. 700), ein Bischof und Theologe, der Jahrhunderte früher geschrieben hat, vermittelt jenen, die Visionen wünschen, dieselbe Warnung, indem er sagt, eine solche Person werde „in seinem Geist vom Teufel versucht, der seiner spottet“ (174).

Indem er besonders über die Visionen spricht, in denen den Betenden der Herr oder Heilige erscheinen, betont der hl. Ignatij, daß die menschliche Einbildungskraft zu vorgetäuschten sensorischen Erfahrungen führen kann, die von dem Betroffenen fälschlich für von außerhalb seines Geistes kommend gehalten werden.

„Hüte dich vor der Kraft der Einbildung, die dir vorspiegeln kann, du sähest den Herrn Jesus Christus und du würdest Ihn berührend und umarmen. Das ist ein leeres Spiel des aufgeblasenen und hoffärtigen Eigendünkels! Das ist tödliche Selbstverherrlichung!“ (1: 33)

„Wenn während des Gebets deinen Sinnen oder spontan in deinem Geist das Bild Christi oder eines Engels oder irgendeines Heiligen erscheint – mit anderen Worten, jedwedes Bild –, nimm diese Erscheinung keinesfalls als wahr an, spende ihr keine Aufmerksamkeit und tritt nicht in ein Gespräch mit ihr ein. Sonst wirst du mit Gewißheit in die Täuschung geraten und schwersten Schaden deiner Seele zufügen, was vielen widerfahren ist.“ (1: 75-6, siehe auch Philokalia 5: 233)

„Wenn man sich den Herrn und seine Heiligen im Geist wie materiell vorstellt, so führt das diesen zu einer trügerischen, stolzen Meinung über sich selbst. Dies führt die Seele in einen unwahren Zustand, einen Zustand der trügerischen Selbstverherrlichung.“ (1: 76-7)

Mit anderen Worten, nach dem hl. Ignatij (Brjančaninov) ist die absichtliche Erzeugung von Bildern im Geist oder sogar das Akzeptieren jener, die spontan auftauchen, nicht nur spirituell gefährlich, sondern kann auch der Seele Schaden zufügen oder psychische Probleme verursachen – „was vielen“, so sagt er, „widerfahren ist.“ Zweifellos bezieht sich der hl. Ignatij hier auf die Spiritualität einiger Heiliger des Westens: „Spiele nicht mit deiner Rettung, tu das nicht. Lies das Neue Testament und die Heiligen Väter der Orthodoxen Kirche, doch nicht Theresa oder andere westliche Betörte…“ (25). Doch sind Fälle geistiger Störungen, verursacht durch unrichtiges Gebet oder falsche geistige Haltung auch in verschiedenen orthodoxen Schriften erwähnt, besonders in den Paterika.

Der hl. Symeon der Neue Theologe (949-1022), der im späten zehnten und frühen elften Jahrhundert schrieb, warnt vor der Gebetsmethode, die später von St. Ignatius von Loyola und anderen westlichen Heiligen verwendet wurde, und zwar dahingehend, daß sie zu mentalen Problemen führen kann:

„Die besonderen Merkmale dieser Art von Gebet sind: Wenn sich jemand, im Gebet stehend und seine Hände und Augen erhebend, in seinem Geist göttliche Ratsversammlungen, die Güter des Himmels die Ränge der Engel und die Wohnungen der Heiligen vorstellt; mit anderen Worten, all das, was er aus der Göttlichen Schrift gehört und in seinem Geist gesammelt hat. Doch während dieser Art von Gebet, beginnt er nach und nach in seinem Herzen aufgeblasen zu werden, wobei er das selbst nicht erkennt. Es scheint ihm, daß das, was er tut, durch die Gnade Gottes bewirkt wird, die ihm zu seinem Trost gegeben werde, und er bittet Gott, ständig in diesem Zustand zu verweilen. Doch dies ist wiederum ein Zeichen großer Täuschung… Solch ein Mensch wird kaum in der Lage sein, [geistig] gesund zu bleiben. Doch selbst wenn das nicht geschieht und er nicht wahnsinnig wird, so vermag er dennoch keine Tugenden zu erlangen.“ (Philokalia, 5: 463-4)

In seinem Kommentar zu diesem Textabschnitt nennt der hl. Ignatij (Brjančaninov) das imaginative Gebet „äußerst gefährlich“:

„Die gefährlichste der unrichtigen Gebetsweisen besteht darin, wenn der Mensch imaginäre Bilder erschafft, die er scheinbar der Heiligen Schrift entlehnt, doch die in Wirklichkeit – aus seinem eigenen Zustand des Gefallenseins und des Eugendünkels stammen; und mit diesen Bildern schmeichelt er seiner eigenen hohen Meinung von sich, seinem Fall, seiner Sündigkeit und täuscht sich. Offensichtlich existiert all das, was von der Einbildungskraft unserer gefallenen Natur geschaffen wird, nicht in Wirklichkeit, sondern ist eingebildet und trügerisch… Derjenige, der sich etwas vorstellt, verläßt mit dem ersten Schritt auf dem Pfad des Gebets schon den Bereich der Wahrheit und tritt ein in die Region des Trugs.“ (Werke 1,160-1)

Die Lehre des hl. Ignatij (Brjančaninov) setzt die Tradition des Gebets fort, die von den Vätern der Orthodoxen Kirche vertreten wird. Viel von dieser Tradition wurde in jenem großen Werk zusammengestellt, das den Titel Philokalia (d. h. „Liebe zum Guten“) trägt und die Schriften der östlichen Väter vom vierten bis zum vierzehnten Jahrhundert enthält. Dieses Werk – ein Kompendium der orthodoxen Spiritualität und von unanfechtbarer orthodoxer Autorität bezüglich des Gebets – verbietet in eindeutigen Begriffen die Verwendung mentaler Imagination. Beispielsweise schreibt der hl. Makarios von Ägypten (300 bis 391), daß Satan jenen, die nach Visionen verlangen, als ein Engel des Lichts, um ihnen eine hochmütige Meinung über sich selbst als Visionäre des Göttlichen einzugeben, und durch diesen Eigendünkel führt er sie in den Untergang (siehe 630). Der hl. Nilos vom Sinai († ca. 430), ein Schüler des hl. Johannes Chrysostomos, lehrt, daß der Geist „während des Gebets blind und taub“ sein muß (Philokalia 2: 208): „Wenn du betest“, schreibt er, „stell dir nicht in irgendeiner Form Gott dar und gestatte deinem Geist nicht, irgendein Bild zu formen.“ (Philokalia 2: 215) Der hl. Nilus warnt auch davor, man solle nicht einmal wünschen, solche Visionen zu haben: „Wünsche nicht, irgendein Antlitz oder Bild während des Gebets zu sehen. Begehre nicht, Engel oder Mächte oder Christus zu sehen, um nicht in Wahn zu geraten, indem du einen Wolf für den Hirten hältst und die Feinde anbetest – die Dämonen.“ (2: 221)

Ebenso bestätigt ein anderer der östlichen Väter, der hl. Johannes Klimakos (525 bis 606), daß zumindest einige der Visionen und Offenbarungen vom Dämon des Hochmuts geschaffen werden, der sie verwendet, um in den Betenden Eigendünkel einzupflanzen und zu kultivieren:

„Wenn der Dämon des Hochmuts bei seinen Dienern einen festen Stand hat, dann erscheint er ihnen in einem Traum oder in einer Vision in Gestalt eines Engels des Lichts oder eines Märtyrers, offenbart ihnen Geheimnisse, als sei dies ein Geschenk aus den geistigen Gaben, damit diese Unglücklichen, die sich der Vision unterwerfen, völlig ihren Verstand verlieren.“ (191)

Einer der Väter des Sinai, der hl. Gregor (ca. 1260-1346) offenbart die ungebrochene Kontinuität der Vätertradition über das Gebet und fährt fort, vor der mentalen Imagination während des Gebets zu warnen:

„Nimm es niemals an, wenn du etwas Materielles oder Geistiges in dir oder außerhalb deiner siehst, auch wenn es sich dabei um ein Bild Christi, eines Engels oder irgendeines Heiligen handelt; oder wenn ein Licht vor dir erscheint und sich deinem Geist einprägt. Der Geist selbst verfügt über die natürliche Kraft der Einbildung und kann rasch ein Trugbild jener Sache, die sie wünscht, erzeugen… Auf dieselbe Weise tauchen die Bilder der Erinnerung an gute oder schlechte Dinge im Geist auf und verleiten ihn zur Vorstellung… (Philokalia 5: 224)

An einer anderen Stelle widerholt der hl. Gregor diese Warnung mit noch größerer Strenge:

„Wenn du dein werk [das Gebet] verrichtest und ein Licht oder Feuer außerhalb von dir oder innen siehst, oder ein Gesicht – zum Beispiel von Christus oder einem Engel oder einem anderen – nimm es nicht an, um keinen Schaden zu erleiden. Und mach dir selbst keine Bilder, und jene, die von allein kommen, nimm nicht an und gestatte deinem Geist nicht, sie aufzubewahren.“ (Philokalia 5: 233)

Es wird daher klar, aus welchem Grund die orthodoxe Tradition so streng gegen das Akzeptieren irgendeiner Art von Bildern ist, auch wenn diese von Gott zu kommen scheinen. Statt dessen wird Nachdruck auf Demut und Reue gelegt, die als Grundlage und Ziel des Gebets betrachtet werden. Der hl. Ignatij (Brjančaninov), der diese Schwerpunktsetzung für Novizen zusammenfaßt, schreibt:

„Was Stimmen und Erscheinungen betrifft, muß man noch vorsichtiger sein: Hier ist der Trug der Dämonen noch näher und noch gefährlicher… Deshalb lehrten die Heiligen Väter, daß jene, die mit dem Gebet beginnen, keinen Stimmen und Erscheinungen vertrauen dürfen – sondern sie verwerfen und dies dem Urteil und Willen Gottes überlassen müssen; für sich selbst aber sollen sie Demut als nützlicher erachten als jede Stimme oder Erscheinung.“ (Werke 2004, 5: 306)

Das innere (noetische) Gebet ist gemäß den orthodoxen Verfassern erreicht, „wenn der Geist (gr. nous) rein von allen Gedanken oder Vorstellungen, ohne Abschweifung zu Gott betet“ (Hierotheos 145). Diese Art Gebet wird erlangt, indem man den Geist zur Ruhe bringt, statt ihn mit Ekstasen aufzuwühlen; indem man Erscheinungen ignoriert, statt sie als Zeichen persönlicher Vollkommenheit zu akzeptieren; und indem man den Geist absichtlich davon abhält, Gedanken und Bilder zu erzeugen, statt ihn dazu zu verwenden, sich in Vorstellungen zu üben. Somit sind ekstatische Visionen, die im Zentrum des Gebetslebens einiger römisch-katholischer Heiliger standen, in der orthodoxen Tradition eher als Versuchungen angesehen, die man zu vermeiden oder zu bekämpfen hat, statt sie als „Begünstigungen“ Gottes zu sehen, wie sie Theresa und Mechthild1 nennen. Ebenso wird es als gefährliche Praxis erachtet, Bilder und Visionen zu begehren oder mit Hilfe der Einbildungskraft hervorzubringen, die in neuropsychische Traumata führt statt in eine annehmbare Form spiritueller Übung.

Im Zusammenhang mit dieser restriktiven Haltung der orthodoxen Väter gegenüber mentalen Bildern scheint es notwendig, noch kurz die ausgefeilte und imaginative orthodoxe Ikonographie zu erwähnen. In der orthodoxen Tradition werden die Ikonen zum Gebet verwendet, zur Versenkung und zur Betrachtung. Doch auch während des Gebets vor den Ikonen, die offensichtlich bildhafte Imagination darstellen, soll gemäß der orthodoxen Tradition der Gebrauch der eigenen mentalen Einbildungskraft vermieden werden. Der hl. Ignatij (Brjančaninov) schreibt:

„Die heiligen Ikonen werden von der Heiligen Kirche gebilligt zum Zweck, fromme Erinnerungen und Gefühle anzuregen, doch keinesfalls, um die Vorstellungskraft aufzustacheln. Wenn man vor einer Ikone des Erlösers steht, ist es, als stünde man vor dem Herrn Jesus Christus Selbst, Der unsichtbar überall gegenwärtig ist und durch Seine Ikone an jenem Ort anwesend ist, wo sich die Ikone befindet. Wenn man vor einer Ikone der Gottesmutter steht, steht man wie vor der Allerheiligsten Jungfrau Selbst. Doch bewahre deinen Geist frei von Vorstellungen: Es ist ein großer Unterschied, ob man sich in der Gegenwart des Herrn befindet und vor dem Herrn steht, oder – ob man sich den Herrn vorstellt.“ (Werke 2004, 1: 76)

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* Der Verfasser ist Priester der Russischen Orthodoxen Kirche (ROCA) in Kalifornien. Der vorliegende Text ist eine Kurzfassung des Buches „Imagine That… Mental Imagery in Roman Catholic and Eastern Orthodox Private Devotion“, das im Februar 2009 mit dem Segen S.E. Erzbischof Kyrill von San Francisco publiziert wurde. Dieses Werk ist ein analytischer Vergleich der römisch-katholischen und orthodoxen Haltungen gegenüber der mentalen Einbildungskraft.